Warum durch “Ja”-sagen bessere Geschichten entstehen

Warum durch “Ja”-sagen bessere Geschichten entstehen

Warum durch „Ja“-sagen bessere Geschichten entstehen

Als irrsinniger Bühnenkünstler weißt du, dass man beim Improvisieren „Ja!“ sagen muss. Laut Improwiki.com ist das die wichtigste Regel des Improtheaters. Aber was bedeutet das konkret? Und wie wird man darin richtig gut?

Beim „Ja“-sagen geht es um Spielangebote. Diese können von deinen Mitspielern, dem Publikum oder von dir selbst kommen.

 

Angebote sind in erster Linie Tatsachenbehauptungen.

Das heißt es wird etwas als Wahrheit behauptetSo ist es. Es kann eine Beziehung behauptet werden („Du bist mein Mann“), etwas über den Ort, über Dinge die in der Vergangenheit gesagt wurden oder passiert sind („Du hast gesagt, du wirst dich um den Nachbarn kümmern“) oder auch Eigenschaften einer Rolle („Na du bist ja fast überall tätowiert.“)…

Und beim Improtheater heißt es, sobald etwas auf der Bühne behauptet wurde, gilt es als Tatsache und ist wahr.

Nimmt ein Spieler eine solche Behauptung nicht als Wahrheit an, entstehen in der Geschichte und im Publikum leicht Irritationen.

Das Publikum lässt sich auf ein behauptete Realität ein, die sich aus den Aussagen und Handlungen der Spieler entwickelt – das ist der sogenannte Fiktionsvertrag. Wenn sich jedoch die Spieler nicht mal einig sind, was als wahr gilt, kann das nur zu Verwirrungen führen.

„Schatz, ist das Essen schon fertig?“

„Wieso Schatz, ich kenne sie nicht und hier im Zug ist Essen verboten!“

 

Direkte und indirekte Angebote

Ein Angebot kann direkt ausgesprochen werden:

„Immerhin bist du mein Mann!“
(Tatsache: du bist ihr Mann)

Oder indirekt über den Subtext oder implizierte Aussagen:

„Schatz, hast du den Zucker gekauft?“
(Tatsache: Du bist ihr Partner oder Mann und du solltest Zucker kaufen).

Natürlich wirkt es eleganter und echter auf dem indirekten Weg.

Übrigens:

Beim letzten Beispiel wäre es nicht nötig, die Frage mit „Ja!“ zu beantworten. Auch ein „Nein. So ein Mist, den hab ich vergessen!“ ist ein „Ja“ zum Spielangebot. Klar, oder?

Das heißt ein „Nein!“ ist nicht generell falsch.

 

Angebote können auch körperlich sein…

Also gut, Angebote sind Tatsachenbehauptungen. Jedoch kann so eine Tatsachenbehauptung auch ohne Worte daher kommen.

Wenn dein Mitspieler dich verachtend und feindselig mustert, behauptet er, dass ihr im Streit seid.

Wenn du jetzt sagst „Ich liebe dich auch!“ ohne jeglichen ironischen Unterton, blockierst du dieses Angebot.

 

Manche Angebote sind nicht beabsichtigt

Dein Körper macht oft Angebote, ohne dass du das bewusst willst.

Ein Mitspieler mimet sehr realistisch, wie er eine Leiche zerstückelt und du reagierst unwillkürlich mit Ekel. Wenn dieser Ekel schon sichtbar auf der Bühne war, ist es stimmiger, diesen als Angebot mit ein zu bauen.

Auch ein Versprecher kann so ein unbeabsichtigtes Angebot und kann spannend sein dieses ein zu bauen. Es überrascht uns und fordert uns heraus. Wenn wir das annehmen, kann das sehr wünschenswert sein. Es treibt die Spielenergie hoch.

 

Wie ein gutes Angebot aussieht

Ein gutes Angebot lässt Raum für die Ideen deiner Mitspieler. Wir sprechen auch von offenen Angeboten.

„Hier sind die Sachen.“
(Sehr offen – Nichts ist klar definiert)

„Hier ist der Sachen, Meister.“
(Immer noch offen – definiert die Beziehung )

„Hier sind die Krötenbeine, die ihr wolltet, Meister.“
(schon geschlossener – definiert die Beziehung und das Genre Fantasy/Märchen)

„Hier sind die Krötenbeine, die ihr für euren Zaubertrank wolltet, Meister.“
(noch geschlossener – definiert Beziehung und Genre deutlich)

„Hier sind die Krötenbeine, die ihr für den Zaubertrank, der das Mädchen töten soll, wolltet, Meister.“
(stark geschlossen – definiert Beziehung, Genre und Ziel des Meisters)

 

Zu offenen Angebote bedeuten, dass der Spieler keine Verantwortung für die Geschichte übernimmt. Das kann deine Mitspieler überfordern. Im schlimmsten Fall kommt gar nichts zustande. Keiner trifft eine Entscheidung oder definiert etwas.

Zu geschlossene Angebote kontrollieren die anderen Spieler. Hier verlieren deine Mitspieler schnell die Lust. Entweder sie beginnen zu blockieren oder die Spielenergie geht in den Keller. So oder so, es macht keine Freude zu zuschauen.

 

Aufforderung zum Abendheuer

Ein Angebot kann neben einer Tatsachenbehauptung auch eine Einladung zum Abenteuer sein.

„Lass uns den Schatz suchen!“ – „Lass uns den Drachen besiegen!“ – „Lass uns die Prinzessen retten!“

Obwohl es sich dabei um keine Tatsachenbehauptung handelt, ist es hier ebenso wichtig, „Ja“ zu sagen. Sonst werden wir um eine wundervolle Geschichte betrogen…

 

Was bedeutet Blockieren?

Wenn ein Angebot übergangen, nicht angenommen oder ihm widersprochen wird, bezeichnen wir das als Block, Blocken oder Blockieren.

Jetzt fragst du dich: Warum macht jemand so etwas Schlimmes?

Gunter Lösel schreib in seinem Buch „Theater ohne Absicht“, dass Blockieren eine Grundtendenz im menschlichem Verhalten ist, die dem natürlichen Selbstschutz dient. Das bedeutet wir blockieren aus Freiheitsliebe. Wir versuchen zu verhindern, dass wir kontrolliert und fremdbestimmt werden.

So gesehen handelt es sich dabei im Grunde um ein positives Verhalten. Nur ist es beim Improtheater unpraktisch.

Improspieler blockieren meistens, wenn sie an einer eigenen Idee hängen und diese nicht zu dem Angebot des Mitspielers passt.

Kommen wir nochmal zu meinem ersten Beispiel:

„Schatz, hast du den Zucker gekauft?“

Der angesprochene Mitspieler antwortet verärgert:

„Schatz? Wie reden sie denn mit ihrem Kapitän?“

 

Hier wollte der Spieler ein Schiffskapitän auf See sein und das Angebot der Mitspielerin hat ihm ein Strich durch die Rechnung gemacht. Durch seinen Block hat er jedoch einen Strich durch die Geschichte gemacht. So ein harter Block lässt sich schwer reparieren.

Ein Block kann genauso aus Unaufmerksamkeit entstehen. Wenn ich die Angebote meiner Mitspieler nicht mitbekomme, kann ich sie auch nicht annehmen.

Das ist eine Herausforderung auf beiden Seiten. Auf der einen Seite ist es wichtig präsent und aufmerksam zu sein, auf der anderen Seite bin ich auch dafür verantwortlich, dass meine Angebote auch ankommen.

Wenn ich z.B. so flüstere, dass weder das Publikum noch meine Mitspieler hören, was ich sage.

Oft steckt auch ein Ausweichen dahinter. Wir drücken uns vor Gefahren. Das ist eine weitere Grundtendenz: Die Tendenz Konflikte und Gefahren zu vermeiden.

Also nochmal: wenn dich ein Mitspieler in die Drachenhöhle einlädt, ist es entscheidend, dass du „Ja!“ sagst. Sonst kommen wir nicht zum Eingemachten.

 

Wie du „Ja“-Sagen lernen kannst

Im Improtraining haben wir die Möglichkeit, in einem geschützten Rahmen zu lernen, die Tendenz zum Blockieren ab zu stellen. Wir lassen uns darauf ein, uns im Kontext „Improtheater“ auch mal von anderen führen zu lassen. Schlussendlich geht es um ein Wechselseitiges führen und geführt werden.

 

Korrekturspiele

Johnston schlägt für diesen Zweck Korrekturspiele vor. In diesen Spielen geht es darum, jeden Block direkt zu korrigieren.

Das kann man auf mehrere Weisen machen:

  1. Ein Spielleiter (der von außen zuschaut), gibt bei jedem Block vor, was der Spieler stattdessen machen soll. Der Spielleiter sollte sehr kompetent sein.Spieler 1: „Schatz, hast du den Zucker gekauft?“
    Spieler 2: „Wie bitte? Ich kenne Sie nicht!“
    Spielleiter: „Du kennst sie und antwortest mit ‚Ja!’“

 

  1. Bei jedem Block wird eine Glocke geläutet. Dann muss der letzte Satz im Gegenteil wiederholt werden.

 

  1. Wer blockiert verliert.

 

  1. Wer blockiert wird durch einen neuen Spieler eingewechselt.

Spielt man regelmäßig Szenen mit diesen Regeln, wird es schnell zur Gewohnheit, „Ja“ zu den Spielangeboten anderer zu sagen.

 

Warum es Spaß macht „Ja“ zusagen

„Ja!“-Sagen nimmt uns den Druck und entspannt uns. Wir müssen nicht alles alleine erfinden.

Und nicht nur das: Ohne Druck und entspannt, arbeitet auch unsere Kreativität viel, viel besser.

Vielleicht denkst du immer noch: „Mein Idee ist besser!“. Und das mag auch immer mal wieder stimmen. Wenn wir jedoch diese Eitelkeit hinter uns lassen, erleben wir die unschlagbare Kraft der Synergie.

Vielleicht bist du mega kreativ. Vielleicht hast du oft richtig gute Ideen. Und kannst auch tolle Geschichten erzählen.

Wenn wir jedoch anfangen „Ja!“ zu den Ideen unserer Mitspieler zu sagen, schmeißen wir unsere Genialität, unseren Irrsinn und unsere Kreativität zusammen. Du schmeißt dein Maximum an Kreativität in den Topf und wenn die anderen ihres dazu schmeißen… Kaboom!

Die Gruppe ist immer kreativer als ihre einzelnen Mitglieder.

 

Fazit

Ein gutes Angebot lädt zu einem „Ja! Und…“ ein. Und damit sind wir bei der nächsten Aufgabe eines irrsinnigen Bühnenkünstlers angekommen: Füge etwas zu den Angeboten deiner Mitspieler hinzu. Damit möchte ich mich in meinem nächsten Artikel beschäftigen.

Mich würden an dieser Stelle eure irrsinnigsten Blocker-Geschichten interessieren. Auch wenn Blockieren Geschichten kaputt macht, kommen dabei immer wieder die lustigsten Momente bei raus. Was hast du schon erlebt?

 

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